X

22. Dezember 2011

L'étoileDer Stern

Oper von Emmanuel Chabrier

» ... musikalisch geistreich, unternehmungslustig, versonnen, in jeder Beziehung doppel- und sogar tripelbödig« (Berliner Morgenpost)

Zugegeben: Die Geschichte ist selbst für Opernverhältnisse reichlich bizarr. Ein König namens Ouf I. sucht mangels ...

» ... musikalisch geistreich, unternehmungslustig, versonnen, in jeder Beziehung doppel- und sogar tripelbödig« (Berliner Morgenpost)

Zugegeben: Die Geschichte ist selbst für Opernverhältnisse reichlich bizarr. Ein König namens Ouf I. sucht mangels Verurteilten im Volk einen Aufständischen für die alljährliche Exekution an seinem Geburtstagsfest. Er findet ihn schließlich in dem kleinen, aufgeregten Hausierer Lazuli, der sich in eine nur scheinbar verheiratete Frau verliebt hat. Sie ist in Wirklichkeit wiederum eine Prinzessin namens Laoula und soll eben jenem König Ouf als Braut zugeführt werden. Die Hinrichtung findet dann nicht statt, weil der königliche Astrologe Sirico herausfindet, dass Ouf laut Horoskop just einen Tag nach Lazuli sterben müsse, weswegen der nun ein schönes Leben im Palast führen darf und nach einigen Umtrieben auch noch seine Geliebte kriegt. Diese absurde Komödie wurde von den Librettisten Eugène Leterrier und Albert G. F. Vanloo für Emmanuel Chabriers (1841–1894) Opèra bouffe »L’étoile« verfasst, die 1877 in Paris uraufgeführt wurde und nun seit langer Zeit wieder einmal in Berlin zu erleben ist.

Chabrier schrieb mit »L’étoile« eine Offenbachiade, die sehr französisch, charmant, flink und subtil in Wort und Musik gesetzt ist. Die Musik rast über die wahnwitzige Handlung hinweg, so dass nicht nur den Protagonisten Hören und Sehen vergeht. Das Stück hält sich weder bei Gags noch bei Kunstfertigkeiten allzu lange auf. Der günstige Stern des Titels scheint nicht nur über Lazuli, sondern über der ganzen Musik zu stehen. Ganz uneitel hat Chabrier sein Talent hier umgesetzt – brillant und mit Spaß. Und selten hat ein Wagner-Verehrer, wie Chabrier es war, sich so glücklich und selbstsicher unbeeinflusst von seinem Vorbild gezeigt.

Der amerikanische Sänger und Regisseur Dale Duesing inszenierte »L’étoile« 2010 mit viel Humor als letzte Premiere an der Staatsoper Unter den Linden vor dem Umzug in das Schiller Theater. Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, leitete dabei zum ersten Mal eine Premiere an der Staatsoper am Pult der Staatskapelle Berlin und wird auch in dieser Spielzeit dieses Juwel der französischen Opéra comique wieder zum Leuchten bringen.



    In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    1:50 h | keine Pause
    • Inhalt

      1. AKT
      Wie jedes Jahr will König Ouf I. sein Volk zu seinem Namenstag mit einer öffentlichen Hinrichtung erfreuen. Da sich aber niemand eines Verbrechens schuldig gemacht hat, mischt sich Ouf inkognito unter sein Volk, um einen Delinquenten zur Majestätsbeleidigung zu provozieren.
      Fürst Hérisson de Porc-Épic taucht in Begleitung seiner Frau Aloès, seinem Sekretär Tapioca und der Prinzessin Laoula auf. Die Prinzessin soll mit Ouf verheiratet werden, hat aber selbst von diesem diplomatischen Coup keine Ahnung. Aus Gründen der Diplomatie reisen auch diese vier inkognito, wobei sich Hérisson als Laoulas Gemahl ausgibt und Aloès so die Möglichkeit erhält, ungeniert mit Tapioca zu flirten, auf den sie ein Auge geworfen hat. Bei ihrer Ankunft erblickt Laoula den Straßenhändler Lazuli und beide verlieben sich ineinander. Hérisson kann dies natürlich nicht zulassen, wo doch Laoula als seine Ehefrau gelten soll. Lazuli ist enttäuscht und verärgert. Dem daherkommenden und ihn provozierenden Ouf gibt er zwei Ohrfeigen. Dies erfreut den König, denn die Tätlichkeit macht den jungen Mann zum Kandidaten für die geplante Hinrichtung. Ouf lüftet sein Inkognito und lässt das Volk zusammenkommen. Schon werden die Vorbereitungen für eine besonders originelle Hinrichtungsmethode getroffen, als Ouf von seinem Astrologen Siroco unterbrochen wird: die Sterne von Ouf und Lazuli seien untrennbar miteinander verbunden, und einen Tag nach Lazuli müsse auch der König sterben. Dies bedeutet auch den Tod des Astrologen, denn testamentarisch hat der König verfügt, der Astrologe dürfe ihn nur um eine Viertelstunde überleben. Die Hinrichtung wird abgesagt, Lazuli aber werden höchste Ehren zuteil.


      2. AKT
      Ouf tut alles, um Lazuli zu verwöhnen und läßt ihn fürstlich ausstaffieren. Alle Damen fliegen auf ihn, doch um wirklich glücklich zu sein, fehlt Lazuli die Frau, in die er sich verliebt hat. Da man ihn wie einen Gefangenen hält, will er aus dem Fenster springen und fliehen. Um ihr eigenes Leben bangend können Ouf und Siroco ihn gerade noch daran hindern. Lazuli gesteht ihnen, dass die Dame seines Herzens verheiratet ist. Doch auch über diese Hürde will Ouf ihm hinweghelfen. Hérisson wird verhaftet und Lazuli und Laoula dürfen abreisen. Ouf jedoch weiß nicht, dass er gerade seiner eigenen Braut zur Flucht verholfen hat. Hérisson lüftet das Geheimnis um seine vermeintliche Gattin und auf seinen Befehl wird auf die Flüchtigen geschossen. Laoula überlebt, aber von Lazuli fehlt jede Spur. Alle sprechen Laoula ihr Beileid aus, aber warum Ouf über den mutmaßlichen Tod Lazulis so betroffen ist, versteht niemand.


      3. AKT
      Ouf und Siroco fürchten, dass ihnen nur noch wenig Zeit im irdischen Dasein bleibt. Zumindest eine alkoholische Stärkung täte gut. Lazuli jedoch hat überlebt und ist lediglich in einen See gefallen. Vorerst hält er sich noch versteckt. Bei Ouf und Siroco zeigt der Chartreuse noch keine Wirkung. Der Astrologe kann Ouf nicht überzeugen, die Klausel aus seinem Testament zu entfernen, die besagt, dass er dem König ins Grab zu folgen habe. Vielleicht nach einem weiteren Gläschen? Laoula findet ihren Geliebten und sie planen erneut die gemeinsame Flucht. Ouf wollen sie erst einmal in dem Glauben lassen, Lazuli sei tot. Um wenigstens einen Thronerben zu hinterlassen, will Ouf noch schnell mit Laoula die Ehe vollziehen. Da schlägt die vermeintlich letzte Stunde für den Monarchen. Nichts geschieht. Wahrscheinlich waren Sirocos astrologische Berechnungen falsch. Deshalb soll der Sternendeuter nun sein Leben lassen. Plötzlich erscheint Lazuli, nun aber wirklich mit der Drohung sich umzubringen, wenn er Laoula nicht als Frau erhält. Ouf bleibt nichts anderes übrig, als Laoula und Lazuli zu vereinen.

    • Pressestimmen

      Die letzte Premiere an der Staatsoper Unter den Linden ist von umwerfendem musikalischem Charme und schönstem Witz. Allein der erste Auftritt von Jean-Paul Fouchécourt als Ouf ist eine Lachnummer ersten Ranges: Begleitet von ein paar niedlichen Bläsern macht sich der kleine Mann mit der hohen, leicht meckernden Stimme als großer König wichtig. „L´étoile“ ist ein musiktheatralisches Vergnügen, dessen Niveau in Berlin seinesgleichen nicht hat.
      - Peter Uehling, Berliner Zeitung, 18.5.2010

      Wer die Oper liebt, ist Kummer gewohnt. Manchmal jedoch ereignet sich eine Art Wunder. Am Sonntag gab es in der Staatsoper ein solches. Als könnten sie es selbst nicht ganz fassen, standen am Ende Sir Simon Rattle, Jean-Paul Fouchécourt, Magdalena Kozena, Dale Duesing und viele andere vor dem Chor der Staatsoper, dankten dem Applaus, ein Lächeln des schieren Glücks im Gesicht. Wunder dieser Art sind nicht das Ergebnis grandioser Einzelleistungen, sie kommen zustande durch glückliche Zufälle, durch das Zusammenspiel von Individuen, Talenten und Stimmungen, die sich vereinigen in einem flüchtigen Ereignis. Es ist das Ereignis der absoluten Kunst, das enthüllt, was hinter dem Werk, seiner Botschaft und auch seiner Aufführung steht, das also, was es selbst ist, abgesehen von seiner Bedeutung für andere. Plato hätte es die Idee genannt, und so gesehen hat sich die Staatsoper zum Ausklang der Saison und am Vorabend ihres Umzugs in das Provisorium des Schiller Theaters nichts weniger gegönnt als die Idee der Oper. Natürlich war der Applaus einhellig und endlos.
      - Niklas Hablützel, taz, 18.5.2010

      Chabriers unglaublich farbenreiche, rhythmisch gepfefferte Partitur wird von der Staatskapelle unter dem federnden Impulsen Simon Rattles zur Virtuosennummer geschmeidiger Flexibilität, und die Mitwirkung von Rattle-Gattin Magdalena Kozená in der Hosenrolle des Lazuli macht aus alldem ein lyrisches Familienfest. Die Personenregie Dale Duesings auf der adrett geordneten Bühne von Boris Kudlicka bedient präzise Witz und Komik. Ein Ensemble brillant im Spielfieber.
      - Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung, 18.5.2010

      Ein dahingelächelter Abschied - die gefeierte letzte Premiere vor dem Umzug, musikalisch geistreich, unternehmungslustig, versonnen, in jeder Beziehung doppel- und sogar tripelbödig.
      - Klaus Geitel, Berliner Morgenpost, 18.5.2010

      Juanita Lascarro ist eine hinreißend naive Prinzessin Loula, Stella Doufexis gibt ihre zynische Freundin Aloès. Bei Jean-Paul Fouchécourts König Ouf meint man den französischen Präsidenten Sarkozy vor sich zu haben, gespielt von Christoph Waltz. Zum Herzbuben des Abends aber wird Magdalena Kozena in der Hosenrolle des Lazuli: Mit rückhaltlosem stimmlichen Einsatz zeichnet sie das Porträt eines liebenden Jünglings, der eine betörende metrosexuelle Anziehungskraft verströmt.
      - Frederik Hanssen, Tagesspiegel, 18.5.2010